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Westerholz, Flensburger Förde, Schleswig-Holstein, Germany
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Montag, 4. Januar 2016


Emil, der weise Wanderer

Emil war ein alter Mann und trug einen langen Mantel, den er nie auszog. Er ging langsam und hatte immer bei sich einen langen Stock, mit dem er sich auf seinem Weg vortastete. Emil besaß gütige Augen, ein faltiges Gesicht, einen weißen Bart und bis auf die Schultern fallende weiße Haare. Seine Haltung war ein wenig gebückt und seine Beine nicht mehr die stärksten. So ging er vorsichtig und machte einen kleinen Schritt nach dem anderen. Er trachtete nicht danach, der Schnellste zu sein, nein, so etwas kam bei ihm nicht vor. Er war bedächtig und vorsichtig und fühlte den Himmel und die Wolken über sich. Er fühlte sie so sehr, dass er den Himmel und die Wolken sogar in sich fühlte. Ja, so war er. Und da gab es Regen und Nebel, klare Sicht und Weite, aber auch große Dunkelheit. Doch immer behielt er seinen Mantel an und führte den Stab mit sich. Manchmal nahm er auch eine Laterne, die ihm den Weg leuchtete, mit auf seine Wanderung. Dies vor allem bei der großen Dunkelheit, die sich immer wieder zeigte. Doch der alte Mann war sich sicher, dass er den Weg finden würde.
Wohin er wanderte, fragt ihr? Nun, das wusste er selbst auch nicht so genau. Das war aber auch nicht wichtig, denn er war vertrauensvoll und demütig und wusste, dass sein Mantel ihn schützen, die Laterne den Weg weisen und der lange Stab ihn stützen würden.
So zog er des Weges tagein und -aus und einjeder, der ihm begegnete, verneigte sich vor ihm. Es war so eine Stille um ihn und das schien die Menschen anzuziehen. Und es war so eine Weite um ihn und jeder fragte sich, wo diese herrührte? Aber da Emil, der alte Mann, stets schweigsam war, blieb ihnen nichts anderes übrig, als geduldig in sich zu horchen, ob da vielleicht diese Weite und diese Stille auch in ihnen. Und dies, liebe Leute, war ganz im Sinne von Emil, dem weisen Wanderer. 


Emilia und Hanibal

Das Schaf Emilia war ein dummes Schaf. Es hatte zwar viele schöne Locken, war aber eben einfach dumm. Ich fühle mich ein wenig unwohl einfach zu behaupten, dass das Schaf Emilia dumm war, aber so war es nun einmal. Ihr Leben war klein und unbedeutend. Doch eines Tages sollte sich dies ändern. Schon am frühen Morgen öffnete der Bauer das große Gatter und ein stattlicher Ziegenbock wurde hereingeführt. Emilia vergaß, weiterzukauen. Welche Pracht! Gewaltige Hörner, mächtige Glocken, ein langer Schwanz. Emilia starrte den Bock fasziniert an. Dieser aber stellte sich ungerührt vor die versammelte Schafherde und verkündete mit stolzgeschwellter Brust:
Ich heiße Hanibal und ihr seid ab sofort meine Untertanen. ICH bestimme und ihr gehorcht. Kapiert?! Also los. Du da, dummes Schaf, sag, wie du heißt!“
Emilia hauchte:
Ich heiße Emilia!“
Gut, dann komm her, ich will auf dich steigen!“
Wow, das nennt sich aber mal zielgerichtet. Der wusste, was er wollte. Emilia fühle sich geehrt. Aber plötzlich fiel ihr ein, dass sie ja ein Schaf war. Ein schön gelocktes dazu, wohlgemerkt, aber immerhin ein Schaf und keine Ziege. Und da sprang sie hervor und blieb vor Hanibal stehen und verkündete:
Hanibal, lass dir gesagt sein, ich bin zwar nur ein dummes Schaf mit Locken, aber ich habe keine Lust, dass du auf mich steigst! Kapiert?!“
Als sie das verkündet hatte, bekam sie Schluckauf vor Schreck, ließ es sich aber nicht anmerken. Und schaute einfach weiter dumm aus der Wäsche. Hanibal jedoch war über so viel Dreistigkeit so erstaunt, dass er erst einmal kräftig furzte. Igitt, was für ein Gestank. Emilia war so dermaßen angewidert, dass sie ihrerseits erst einmal rülpste und so standen sie beide da in ihrem Gestank und wussten nicht weiter. Jesses, wann hatte es das gegeben. Der Bauer kam und trennte die beiden und Hanibal musste in den Stall in eine kleine, enge Box. Tja, Hanibal, das hast du nun davon. Einer Dame mit schönen Locken, wenn auch dumm, und auch noch von anderer Rasse, begegnet man eben mit mehr Höflichkeit. Bedenke dies in Zukunft, stolzer Bock, es könnte nützlich sein!




Amina und der alte Mann mit dem Spaten

Amina ging den schmalen Steig entlang und sah schon von weitem, wie der alte Mann sich über seinen Spaten beugte und den ersten Stich tat. Er sah sie nicht. Er sah überhaupt nichts, wie es schien. Außer den Spaten, mit dem er in die Erde stach. Amina ging weiter und blickte auf diesen Mann, der da so bedächtig seinem Tagwerk nachging. Ja, Bedächtigkeit und Ruhe waren das, was er ausstrahlte.
Sie wählte einen kleinen Umweg, um noch einmal zu sinnieren über das, was sie ihm erzählen wollte. Doch ein Vogel hoch oben im Wipfel eines Baumes schmetterte so voller Inbrunst sein großes Lied, dass Amina alles wieder vergaß und nur horchte. Es war ein schlichtes, aber großes Lied, dass der Vogel dort oben sang.
Amina ging weiter. Und als sie durch die Gartenpforte trat, sah sie, dass der alte Mann mit seiner Arbeit schon ein gutes Stück weitergekommen war und die Erde nun fett und schwarz glänzte. Nichts als ungeteilte Aufmerksamkeit für diese Erde schien in ihm zu sein. Amina wurde still und setzte sich auf eine kleine verwitterte Bank, die am Lattenzaun angenagelt war. Schon grün war sie im Laufe der Jahre geworden, ein wenig schief und auch fehlte schon ein Stück an einem Brett. Und wie Amina so dasaß und dem alten Mann zusah, überkam sie ein Gefühl. Doch dieses Gefühl war so sehr INNEN, dass sie nicht darüber sprechen konnte. Vielleicht würde ihr eine Träne herauslaufen. Vielleicht würde sie einfach nur tiefer atmen oder aber beginnen zu lachen. Sie wusste es nicht. So blieb sie einfach auf der grün verwitterten Bank sitzen und beobachtete den alten Mann bei seiner Arbeit und horchte auf den hellen Gesang aus den Baumwipfeln.




Bertrine und der Schatten

Und wieder war ein Tag vergangen und Bertrine ging des Abend noch einmal über den Hof, um nachzusehen, ob das Vieh auch gut versorgt. Der Mond schien über das Anwesen und so konnte sie ruhigen Schrittes ihre Runde drehen. Ein Schatten aber zog ihre Aufmerksamkeit auf sich und ihre Nackenhaare begannen sich zu sträuben. Wer versteckte sich da im Gebüsch? War es jemand, der sie zu überfallen trachtete? Unwillkürlich zog sie ihre Jacke enger um sich und sah zu, dass sie wieder ins warme und hell erleuchtete Haus kam. Plötzlich knackten Zweige und aufgeregte Vögel flogen aufgescheucht fort. Bertine spürte eine Gänsehaut über den Rücken ziehen und begann zu laufen. Mit keuchendem Atem erreichte sie ihr Haus und schloss ganz fest die Tür hinter sich. Dreimal den Schlüssel im Schloss gedreht und im ganzen Haus die Vorhänge zugezogen, das Licht ausgeschaltet und dann durch einen Spalt der Gardinen nach draußen gespäht, was sich dort tat. Vorsichtshalber die Schrotflinte aus dem Gewehrschrank geholt und griffbereit in der Nähe abgelegt. Wer war dort draußen und was wollte er? Wusste er, dass sie allein zu Hause war? Dachte er, bei ihr gäbe es etwas zu holen? Sie war alt und besaß keine irdischen Schätze. Sie spähte und spähte und da! Was war da? Da war der Schatten wieder. Puh, ihr ward ganz kalt ums Herz und alles in ihr zog sich zusammen. Jetzt kam der Schatten auch noch auf das Haus zugesprungen und sie hörte die Tür knarren. Mein Gott, was wollte der? Was sollte sie nur tun? Lautlos schlich sie zur Tür und verharrte dort. Und da, wieder etwas. Ein Kratzen. Immer wieder! Sie nahm ihr Gewehr und stellte sich in Position, bereit für den ersten Schuss. Auf einmal aber ertönte ein leises: „Miau!“ und wieder kratzten Pfoten an der Tür. Bertine musste laut lachen über sich selbst und machte die Tür weit auf. Wer also kam da hereinstolziert? Meister Jakob war es. Schnurstraks lief er zu seinem Platz hinter dem warmen Ofen, machte es sich dort gemütlich und alles war wieder in Butter. Ja, so sind die Frauenzimmer! Sich aufregen da, wo nicht nötig und das Gewehr schon im Anschlag, wo einfach nur die Tür zu öffnen. 

Wladimir und das Warten

Etwas sollte sich ändern im Leben Wladimirs, aber er wusste nicht, was. So wartete er, wartete und wartete und hoffte auf den großen Wandel, auf den großen Gewinn oder auf das plötzliche Auftauchen seiner Traumfrau. Aber Gott, auf den er auch hoffte, blieb still. So war er voll des Ärgers, dass er nicht das bekam, worauf er so sehnsuchtsvoll wartete. Warum, verflucht, dauerte das Warten so lange? Ein Tag, noch ein Tag und noch ein weiterer. Es kam Wladimir so vor, als wenn sein gesamtes Leben nur noch aus dem Warten bestand. So saß er da in seiner Stube in seinem Sessel und wartete und wartete und wartete. Und nichts geschah. Tag für Tag rein gar nichts. Es wurde Herbst, es wurde Winter. Es wurde wieder Frühling und auch Sommer. Er saß und saß und eines Tages aber sprang er plötzlich auf aus seinem Sessel und begab sich vor die Tür und verkündete den verdutzten Nachbarn: „Meine Freunde, ich bin des Wartens überdrüssig, ich bin des Sitzens müde. So mache ich mich nun auf und warte nicht mehr. So erhebe ich mich aus meinem Sessel und sehe dann, was sich ereignet. Es ist ein Großes, ich weiß. Ich zittere ein wenig, ihr seht. Aber ich denke: Verwarte nicht dein ganzes Leben!“
Und so ging Wladimir hinaus und knechtete tagein und tagaus. Nie gönnte er sich eine Rast, unermüdlich rackerte und ackerte er vor sich hin. Sicher, dass sich sein Leben nun gewandelt, meinte er glücklich werden zu müssen. Doch, oh Weh, er wurde es nicht. Im Gegenteil, seine Unzufriedenheit schien sich zu vergrößern, so sehr er auch wütete und schuftete. Da schmiss er den Spaten hinfort, stopfte sich seine Pfeife und begann zu sinnieren. Was machte er da nur? Was war richtig, was war falsch?
Plötzlich wurde er gewahr, dass in seiner Nähe friedlich ein Esel graste, den er doch wahrhaftig ganz übersehen hatte. Schön war er anzusehen und Wladimir dachte bei sich:
Was warst du selbst doch für ein Esel! Die Lösung liegt doch auf der Hand!“
Er nahm daher einen langen Strick und band ihn dem Esel vorsichtig um den Hals. Dieser aber war geduldig und ganz anders, als man gemeinhin von ihm dachte. Er führte Wladimir fort und setzte dabei vorsichtig Huf vor Huf. Abgründe erkannte er, schmale Pfade fand er, Lichtungen suchte er und Berghänge erklomm er. Nichts schien ihn zu fürchten. So folge der alte Mann dem Esel auf seinen Wegen und setzte sich auch schon mal auf den Rücken und ließ sich für eine Weile tragen. Saß weniger bequem als in seinem Sessel, doch schien ihm gerade dies ganz recht. Von Tag zu Tag erwartete ihn eine andere Aussicht und er erkannte, dass es gerade das war, was er sich so sehr ersehnt und was ihm schmerzlich gefehlt. Sich führen zu lassen und in Bewegung zu sein und den Wandel zu spüren und selbst aber auch Schritte zu gehen.

Eines Tages dann kam er an einen Ort, wo sein Herr zu ihm sprach und sagte: „Wladimir, es ist gut. Wladimir setze dich. Wladimir, HÖRE! Wladimir, ICH BIN DA!“ 



Eleusius und Lorena

Wenn man schon Eleusius heißen muss, wen verwundert es, dass man ein besonderes Exemplar Mensch wird. Nun, Eleusius aus Oberlandau war so eines. Ein wenig wirr im Kopf und zerstreut stets das vergessend, was eigentlich gerade wichtig gewesen. Schien draußen die Sonne, vergrub er sich in seiner Studierstube und tauchte erst bei Nacht wieder auf. Regnete es draußen und war stürmisch, machte er eine lange Wanderung. Ja, man kann sagen, Eleusius war nicht wirklich lebenstauglich und seine Nachbarn guckten auch schon mal komisch. Eines Tages aber, Eleusius saß im Nieselregen im Garten und dachte nach, tauchte ein kleines Mädchen auf mit zerlumpten Kleidern am Leib. Eleusius passte das gar nicht, denn er wollte in Ruhe draußen sitzen im Nieselregen und so vor sich hinsinnieren. Das Mädchen aber, sie hieß Lorena, kümmerte sich nicht darum und stapfte mutig auf ihn zu: DU, es regnet doch draußen, warum sitzt du da?“
Eleusius sah das Mädchen an und dachte nicht daran, ihm eine Antwort zu geben. Was kümmerte ihn dieses Mädchen? Er wollte seine Ruhe und nichts als das. Doch das kleine Mädchen Lorena war nicht auf den Kopf gefallen und dazu nicht ängstlich, denn sie hatte in ihrem kurzen Leben schon so allerlei erlebt.
Ich hab dich was gefragt! Wieso sagst du nichts?“
Weil ich dazu absolut keine Lust habe und mir Mädchen wie du entsetzlich auf die Nerven gehen. Hast du mich verstanden? Also, schleich dich!“, sagte er, drehte sich demonstrativ um und blickte in die andere Richtung. Lorena aber dachte gar nicht daran, ihn in Ruhe zu lassen.
DUU, wieso bist du so unfreundlich zu mir. Hast du schlechte Laune?“
Ich sagte, lass mich in Ruhe, es geht dich einen feuchten Kehrdreck an, ob ich schlechte Laune habe oder nicht. Ich will hier sitzen und nachdenken. Und nun Schluss!“
Das mache ich auch immer ... nachdenken. Aber ich bekomme davon keine schlechte Laune so wie du. Wenn ich nachdenke, dann füttere ich die Gänse dabei oder kehre den Hof! Machst du das gar nicht so? Musst du dabei immer bei Regen in deinem Garten sitzen? Komm doch mal mit mir, ich will dir was zeigen!“
Und weil Eleusius genug hatte von diesem Geplapper, stand er einfach auf und folgte ihr. Sie wanderten über Berg und Tal und gelangten schließlich an ein großes Gewässer. Der Wind wehte frisch und der Regen hatte sich inzwischen verzogen. Die Sicht war klar und das Mädchen sang Eleusius ein kleines Lied vor. Und ... wer hätte es gedacht ... Eleusius summte leise mit. Und ... wie konnte es geschehen ... auf einmal wusste er die Lösung auf ein Problem!

So, liebe Leut, bedenkt: Bei Regen im Garten zu sitzen und nachzudenken führt zu gar nichts. Hört auf kleine Mädchen, bewegt euch, atmet tief durch, singt und schaut in die Welt. Lasst euch den frischen Wind um die Ohren wehen und wartet geduldig auf eine Antwort.

Freitag, 14. August 2015



Als die Lotusblüten ihre Knospen zeigten

Wer weiß wohl, wie mir zumute ist? Jetzt, nachdem dies alles vollbracht! Es war ein Stück des Weges, das beileibe nicht einfach gewesen. Aber die Sterne kündeten schon vorher, dass eine Wende in Sicht. Dennoch, mein Gebieter sah nicht nach mir, lange Zeit. Und so fror ich entsetzlich. Wie dem auch sei, nun ist alles rundum anders geworden und nur der hellsichtige Elanus sah dies vorher. Ich glaubte ihm und das war meine Rettung. Wir brauchen doch alle Hoffnung, die begründet, nicht wahr? Oh, die Götter wussten, was wohl für uns ist und ich danke ihnen für ihre Hilfe. Glaubt mir, ohne sie, wir wären verloren. Doch als alles anders zu werden begann, wurde mein Herz wieder froh und die Farben rundum klarten auf. Mein Seelenleben begann sich wieder zu regen und eingefrorene Gefühle belebten sich neu. Die Winterzeit war eine lange und frostige gewesen und der Frühling ließ lange auf sich warten. Die Lotusblüten zeigen ihre ersten zarten Knospen, doch schon lässt sich erahnen, was darin verborgen. Ich heiße euch willkommen und zudem bin ich von Licht durchtränkt. Mein Lachen schallt durch die Gemäuer und dies belebt auch die anderen dieses Hofes. 


Eins mit den Rindern

Persilee war so etwa 5 Jahre alt und wohnte in einer mittelalterlichen Stadt mit grauen Häusern an einem Hang. Die Häuser waren in einem Kreis angeordnet, die Straßen hatten noch Kopfsteinpflaster und die Häuser standen dicht gedrängt aneinander. Nun geschah in dieser Stadt nicht besonders viel, das Leben verlief ruhig plätschernd vor sich hin. Doch eines Tages kam ein Fremder in diese Stadt und brachte frischen Wind in die geschlossene Gemeinschaft. Er war weit gereist und suchte einen Rastplatz zum Übernachten, um sich auszuruhen für ein paar Tage. Persilee aber war ein neugieriges Kind und brannte darauf, Neues zu erfahren. Also hielt sie sich immer in der Nähe dieses Fremden auf, sicher geschützt durch eine Hecke, hinter der sie nicht gleich zu entdecken war. Um den Fremden scharrte sich stets eine kleine Gruppe von Bewohnern, die ebenso begierig waren, seine Geschichten zu hören. Und an einem dieser Tage hörte Persilee eine spannende Geschichte, die sie ihr ganzes Leben begleiten sollte:
Hört ihr Leute, da, wo ich herkomme, da ist das Leben ganz anders. Da, wo ich herkomme, scheint die Sonne von früh bis spät und die Menschen verkriechen sich am Mittag in ihren Hütten, weil sie es leid sind, so heiß beschienen zu werden. Aber hier bei euch, da verehrt man die Sonne und kriecht aus den Häusern, sobald sie erscheint. Ihr könnt euch also vorstellen, wie weit ich gereist bin und das alles zu Fuß. Es ist schon eine Weile her, da kam ich durch ein breites Flussbett und eine kleine Horde wilder Kühe begleitete mich. So war ich nicht allein und in guter Gesellschaft. Milch hatte ich genug zum Trinken und warme Leiber, um mich an ihnen zu wärmen. Zutraulich waren sie alle und sogar die kleinen Kälber waren immer in der Nähe. Ihr werdet es nicht verstehen, aber ich fühlte mich völlig eins mit mir und ihnen und diese Art von Gesellschaft war mir allemal lieber als manche, die ich unter Menschen erlebte. Kein unnötiges Geschwätz, keine leeren Worte, nein, ich war unter meinesgleichen. Für euch mag sich dies vielleicht seltsam anhören und ihr seid es gewohnt, euch anders unter den Rindern zu bewegen, aber bedenkt, da, wo ich herkomme, scheint den ganzen Tag die Sonne und verkriechen sich die Menschen in ihren Hütten, wenn es ihnen zu heiß wird und dieses Land, in dem ihr lebt, ist weit weit weg von dem Leben, das ich lebte.“
So war die Geschichte, die Persilee hörte und sich wünschte, sie hätte auch solch innige Freundschaft mit einem Tier. Und tatsächlich sollte sie in ihrem ganzen Leben danach trachten, so eine Beziehung zu den Tieren zu finden. Ja, so war das.



Unschuldige Liebe

Aimee war in dem Jahr, in der diese Geschichte spielt, noch sehr klein, aber der Nachbarsjunge liebte sie auch schon damals. Nur, dass sie so dünne lange Beine hatte, das störte ihn mächtig. Sie trug kariert zu der Zeit und die Röcke waren kurz. Aber sexy, fand Joldan, war was anderes. Jedenfalls hatte sein Vater ihm das gesagt und was er selbst fand, wusste er noch nicht. Aber wie sie immer in den Apfelbaum stieg und er von unten ihr Höschen sehen konnte, das fand er toll. Aimee wusste das wohl auch, aber sie sprachen natürlich nie darüber. Das verstand sich von selbst. Sie waren ja noch klein und hatten keine Ahnung von derlei Dingen. Später änderte sich das dann, aber da war die Unschuld schon den Bach runter und solche Kleinigkeiten nicht mehr der Rede wert.





Marta

Es begann damit, dass Marta, die ein sehr verschlossen Wesen besaß und den letzten Heller dafür verwettet hätte, dass es unsichtbare Wesen gar nicht gibt, krank wurde. Ich meine richtig krank. So krank, dass es praktisch keine Aussicht auf Genesung mehr gab. Es handelte sich um die Syphilis, ein Erbe ihres Gatten, denn er betrog sie und das nicht nur einmal. Zwar säuselte er ihr süße Wörter ins Ohr, doch hintenherum betrog er sie nach Strich und Faden. Der Mann taugte nichts! Kein Wort, das er aussprach und sich daran hielt. Nun war Marta also krank geworden und alles in ihrem Heim lag danieder. Die Kinder mussten irgendwie allein klarkommen und auf ihren Mann war sowieso kein Verlass. Nun gut. Es war Winter und ihre Hütte kalt. Der Ofen rauchte vom feuchten Holz und wollte nicht so recht Wärme abgeben. Die Kinder froren, weinten und der Hunger nagte an ihnen. Marta war schwach und lag unter einer dicken Bettdecke. Am liebsten wäre sie gestorben. Ihr Lebensmut war erloschen und sie wusste nicht, wie sich die Flamme wieder entzünden ließe.
Da klopfte es an die Tür … sie zu schwach, um selbst aufzustehen und dem, der da geklopft hatte, aufzumachen, schickte eine Tochter an die Tür. Als diese vorsichtig einen Spalt weit öffnete, sah sie jedoch niemanden dort stehen. Hatte sie sich getäuscht? Hatte da keiner geklopft? Doch da war es wieder. Das Klopfen, das sie hörte. Laut und deutlich. Ihre Tochter, an die Tür geschickt, sah wieder niemanden, der hineinwünschte. Marta dachte: „Na, jetzt habe ich schon Halluzinationen, es wird mit mir zu Ende gehen!“
Doch da erschien vor ihrem Bett eine Gestalt in einem hellen Gewand und grüßte sie mit einem Lächeln und beugte sich hinab zu ihr: „Marta, du Weib Jesses, ich bin gekommen, dir zu helfen und sage nun: Du wirst diese Krankheit überstehen, so wahr ich hier vor dir stehe! Es werden drei Nächte vergehen und du wirst von deinem Krankenlager auferstehen. Ja, so sei es!“
Na, das ist der Beweis! Ich habe Erscheinungen, mein Ende naht!“, dachte sie und ließ sich erschöpft in die Kissen zurückfallen.
Du wirst es nun wahrscheinlich nicht glauben, doch so geschah es! Am dritten Tage ging es Marta wieder so gut, dass sie, sich langsam aufrichtend, das Bett verlassen konnte. Wie konnte das geschehen, fragst du mich. Wer war es, der da ihr erschien? So denke selbst nach! Den Namen aussprechen werde ich niemals tun, doch du wirst wissen, wen ich meine. Und damit wünsche ich dir einen schönen Tag!


Minula und der Zwerg, der immer größer wurde

Als Minula noch sehr jung war, verliebte sie sich in einen Mann, der der Familie der Zwergwüchsigen angehörte. Ich wusste schon im Voraus, dass sie es sich damit nicht leicht machen würde. Und besonders wunderte es mich, dass sie in ihrer Verliebtheit es nicht einmal zu bemerken schien, dass er kleinwüchsig war. Sie beide waren leidenschaftliche Menschen und ihre Herzen schwangen miteinander. Es war ein sehr inniges Verhältnis und Minulas Verblendetsein war in einem Maße ausgeprägt, dass sie die Realitäten nur noch verschoben wahrnehmen konnte. Doch eines Tages kamen seine Verwandten zu Besuch und da sah sie, dass sie allesamt weniger als einen halben Meter groß waren. Aber als auch das sie nicht zu stören schien und alle gleichsam freundlich behandelte, kam es, dass der Mann, mit dem sie so eine leidenschaftliche Verbindung pflegte, anscheinend über sich selbst hinauswuchs und groß und größer wurde, sodass Minula endlich auf gleicher Augenhöhe mit ihm kommunizieren konnte. Das war für mich ein Wunder, wie selbst ich es nur selten erlebe.


Die Engelszungensprecherin

Es war einmal eine sehr weise Frau, die mit Engelszungen sprechen konnte. Sie hatte zwei Töchter, die sie liebevoll aufzog und die ihr ein Quell der Freude waren. Nun begab es sich aber zu der Zeit, dass die eine Tochter sich danach sehnte, in die Welt hinaus zu gehen. Oh weh, die weise Frau bangte um sie und ihr reines Herz. So sprach sie ein stilles Gebet und danach mit Engelszungen zu ihrer Tochter:
Tochter, meine Geliebte. Du wünscht, in die Welt hinauszuziehen. Ich verstehe dein Begehr und bin zu folgendem Schluss gekommen. Um dich zu schützen vor so allerlei Getier, dass da draußen dir nach deinem unschuldigen Wesen trachtet, werde ich dir einen güldenen Mantel mitgeben, der dich behüten möge in all deinen Tagen. Sei getrost, du bist behütet, was auch immer dir geschehen möge!“
So sprach sie und ließ ihre Tochter gehen.
Es begab sich aber, dass die zweite Tochter sie aufsuchte und Folgendes sprach:
Verehrte Mutter, ich bin nun alt genug, um mich von dir zu verabschieden. Ich möchte hinauf auf den Berg. Dort gibt es ein Kloster und ich wünsche mir nichts sehnlicher, als auf diesen Berg hinauf zu wandern und in dieses Kloster einzutreten!“
O weh, die weise Frau betrachtete ihre geliebte zweite Tochter und verlor ein paar heimliche Tränen, denn wie sollte sie ihr erzählen, dass in ihrem Leben noch etwas anderes wartete als das Leben in Abgeschiedenheit und Verzicht? So sprach sie ein leises Gebet und danach mit Engelszungen zu ihrer zweiten Tochter:
Geliebte Tochter, wie du ganz recht meinst, ist es ein wunderbares Ziel, sich fernzuhalten von so allerlei gefährlichen Verlockungen, die dort draußen in der Welt lauern. Doch bedenke, meine Liebste, dass es auch anderes gibt, das da draußen auf dich wartet. So werde ich dir einen silbernen Mantel mitgeben, der dich beschützen möge vor übermäßiger Angst und Scheu vor dem Leben in der Welt da draußen. Sei getrost, du bist behütet, was auch immer dir geschehen möge.“


Das Wunder vom Marktplatz

Wunder gibt es immer wieder … heißt es in einem Lied und ich möchte dir heute von so einem Wunder erzählen. Du glaubst, es gibt keine? Das ist falsch. Es gibt sie und viele Menschen übersehen sie in der Hektik ihres Lebens. Das ist sehr schade. Nun möchte ich dir aber von einem Wunder erzählen, dass Amina vor langer Zeit geschehen ist.
Sie war schon lange getrennt von ihrem Liebsten und zwischen ihnen gab einen Streit, den sie noch nicht wieder beigelegt hatten und sie konnte sich auch nicht vorstellen, wie dieser jemals wieder beiseite geschoben werden könnte.
Eines Tages, Amina hatte ihre Zeit verbracht mit so allerlei Geschäftsangelegenheiten und nur Zahlen in ihrem Kopf, ging sie Erholung suchend durch die Straßen ihrer kleinen Stadt und suchte nach Zerstreuung, nicht wissend, wie diese zu bekommen. Da … plötzlich ... erschien vor ihren müden Augen das Gesicht eines Weibes und versperrte ihr mit seiner kleinen, aber energischen Gestalt ihren Weg. Dieses Weib sprach Amina an und sie konnte nicht anders, als ihm ein paar Minuten ihrer kostbaren Zeit zu schenken. Das Weib war eine weise Frau. Wenn auch gekleidet in die Gewänder einer Zigeunerin, die um Almosen bettelte. So sprach diese:
Dir wird heute ein großes Glück geschehen! Darf ich dazu aus deiner Hand lesen und dir weissagen, um welches Glück es sich handelt und welches dich heilen wird?“
Amina, zutiefst getroffen von den Worten dieser weisen Frau, brach in Tränen aus und folgte ihr in eine dunkle Seitengasse, wo sie in Ruhe ihr nahendes Glück beschrieben bekommen wollte.
Nun versteckte sich aber in dieser weisen Frau zugleich auch eine Diebin, die einzig nach dem Geld von Amina trachtete und mit so allerlei Zauberei versuchte, sie zu betören. Doch Amina erkannte den bösen Blick und hatte auch dazu keinen einzigen Heller in ihrem Geldbeutel. Als Amina dies dem Weib erklärte und sich auch nicht von so allerlei kunstvollen Versuchen, sie zu hintergehen, beeindrucken ließ, ging das Weib seines Weges und Amina setze auch ihren Gang über den Marktplatz fort.
Doch … schon nach wenigen Metern, sie fühlte sich noch immer wie in einem denkwürdigen Traum gefangen, erschien vor ihrem Blick das Gesicht eines Mannes, der sie anlächelte und begrüßte und es dauerte einige Momente, bis sie erkannte, um wen es sich handelte. Dort saß ihr Liebster, ihr großes Glück, der Mann, der dort eigentlich gar nicht sitzen konnte, weil er viele viele Meilen entfernt sein eigenes Leben lebte und kaum je in die Nähe ihres kam. Doch wie er dort trotzdem saß, ein heißes Getränk in den Händen haltend, konnte sie nicht anders, als ihn ebenfalls anlächeln und aller Ärger wart vergessen. Alle bösen Worte fielen ihr nicht mehr ein und ihre ganze sorgsam gehütete Abwehr brach in eins in sich zusammen. Nur eines vermochte sie noch und dies mit ganzem Herzen. Sich freuen, ihren Liebsten dort sitzen zu sehen und sich zu ihm zu gesellen und ihm zu lauschen bei den Erzählungen von seinen Reisen, die ihn um die ganze Welt gebracht. Nur zweimal kurz erinnerte sie sich des Giftes, das sie geschmeckt in den langen und kalten Nächten des Winters, nur kurz kam die Erinnerung an all den Streit. In den anderen Momenten konnte sie einfach dort mit ihm sitzen und die Wärme und die Sonnenstrahlen und den Frieden genießen. Eine Brücke wart gebaut worden und nur mit Gottes Hilfe war dies möglich geworden. Allein hätte sie es nicht geschafft. Und aus lauter Dankbarkeit nahm sie sein Gesicht in ihre Hände und gab ihm einen weichen Kuss auf die Wange seines von ihr geliebten Gesichts. Dann trennten sich ihre Wege wieder und schon am nächsten Morgen wart ihr, als hätte sie geträumt.


Die Frau mit nur einem Kleid

Ich erzähle dir nun eine Geschichte von einer Frau, die sehr arm war und nur ein Kleid besaß.
Diese Frau hieß Einima. Sie lebte weit weit von hier entfernt ein einfaches und karges Leben in einer Hütte und in dieser befand sich nur ein wenig Stroh. Zum Glück war es in diesem Land sehr warm, sie brauchte nicht zu frieren. Einima lebte in dieser Hütte allein und hatte keine Arbeit, kein Geld und keine Familie. Traurig, nicht wahr? Das war ein sehr trauriges Leben, das diese Frau lebte. Könntest du jetzt denken. Doch diese Frau, die nur eine kleine Hütte mit Stroh besaß, empfand das gar nicht so, denn hungern musste sie nicht. Sie bekam von ihren Nachbarn jeden Tag einen Napf voll Getreidebrei, frischer Kuhmilch und Obst sowie Gemüse aus den angrenzenden Gärten. Dafür war sie sehr dankbar. Ja, du fragst dich aber, warum diese Frau nicht traurig war? Das ist ganz einfach zu erklären. Einima war einfach und mit einfachen Dingen des Lebens zufrieden. Sie haderte nicht mit den Lebensschlägen, die sie bekam, sie konnte diese annehmen und daraus lernen. Sie hatte so viel eigentlich, was ihres war, fand sie und wähnte sich glücklich, wenn jemand sie besuchen kam und einen Rat von ihr wünschte. Sie wurde jeden Morgen von der Sonne geweckt und schätzte sich glücklich deshalb. Sie brauchte keine großen Truhen mit Kleidern aus Seide und Samt, sie trug eine einfache Kutte und das reichte ihr. Ja, so war Einima. Kaum zu glauben für dich, nicht wahr? Doch so war das. Diese Frau war innerlich reich und allein das zählte für sie. Und dieser Schatz wurde nicht weniger, je mehr sie von ihm nahm, dieser Schatz wurde größer, je mehr sie davon ausgab.

Nefertu träumt

Heute, meine Liebe, möchte ich dir etwas von einer Frau erzählen, die vor sehr langer Zeit lebte. Diese Frau, Nefertu genannt, träumte eines Tages und sprach am Morgen zu ihrem Mann: „Mein geliebter Ehemann, heute Nacht träumte mir etwas Sonderbares und ich weiß nun nicht, ob es ein Traum oder kein Traum war. Mir ist so, als wenn alles wahr wäre und dennoch kann ich es nicht glauben. Was liegt vor?“
Ja, so kann es gehen, meine Teure! Ich werde es dir erklären! Manchmal im Leben träumen wir des Nachts von Geschehnissen, die anderntags tatsächlich passieren. Dies geschieht viel häufiger, als du dir vielleicht vorstellen kannst, doch oft erinnern wir uns nicht an die Träume. Dies liegt daran, dass wir ihnen keine große Bedeutung beimessen, dabei sollten wir es doch tun. Nicht umsonst gibt es hier bei uns am Hof einen Traumdeuter, der aus den Träumen die Zukunft ablesen kann, was für unser Leben von enormer Bedeutung ist. Wenn nun also so ein Traum aber des Tages passiert, ist er von noch größerer Bedeutung, weil er schon Wirklichkeit geworden ist. Du solltest, Nefertu, so einen Traum keinesfalls missachten und sehr sorgsam mit ihm umgehen. Die Götter wollen dir damit etwas mitteilen und dich in deiner Seele erschüttern. Damit soll alles, was sich als störend erweist in deinem Leben, mit einem Ruck von dir gelöst werden. Je größer die Erschütterung, desto fremder die Nachricht, doch desto wichtiger auch. Hast du mich verstanden? Es handelt sich immer um eine wichtige Nachricht aus der Götterwelt und du solltest sehr sorgsam mit ihr umgehen. Hüte deine Zunge und erzähle nicht in unwürdiger Weise von diesen Erlebnissen.“
Ich danke dir, geliebter Ehemann, meine Lippen sind versiegelt und kein falsches Wort wird nach draußen gelangen!“


Tralutar und Nemusar

Vor langer Zeit lebte eine Frau, die alle Welt Tralutar nannte. Auch wenn sich dieser Name jetzt für dich komisch anhört, wurde sie nun einmal so genannt. Ihr wahrer Name war ein anderer, doch das hatten ihre Mitmenschen schon lange vergessen. Tralutar war reich und mächtig, lebte in einem großen Haus, nannte Diener ihr eigen, führte einen großen Hausstand und besaß aber keine Kinder. Dies hatte Tralutar hart gemacht. Sie war bitter und schalt Gott für seine Ungerechtigkeit. Tralutar wurde in ihrer Umgebung nicht geliebt. Nein, die Menschen fürchteten sie sogar, denn so manches Mal mussten sie unter der wilden Fuchtel Tralutars leiden. Und dabei ging es ihnen in mancherlei Hinsicht viel schlechter als ihr. Doch all das sah Tralutar nicht. Sie hielt sich für das ärmste Wesen auf Erden und bemitleidete sich von früh bis spät.
So geschah es eines Tages, dass ein großes Unglück über die Gemeinde kam. Dürre und Hagel und Blitz und Donner. Die Ernte war verloren, der Ernährung im Winter bedroht. Tralutar war untröstlich. Hatte sie nicht schon genug zu tragen? Nun auch noch dieses!
Doch oh Wunder, es geschah, dass sie eines Besseren belehrt werden sollte. Eines Tages fand sich ein ehrbarer Mann aus der Gemeinde bei ihr ein und erzählte ihr zur großen Überraschung, dass alle Mitglieder beschlossen hatten zusammenzulegen, um Tralutar zu helfen. So überbrachte man ihr einen großen Kübel mit Getreide und damit war ihre Ernährung im Winter gerettet.
Dies aber beschämte Tralutar so sehr, dass sie wieder weich werden konnte. Hatten doch die anderen viel weniger zu essen als sie und war der Hausstand der anderen bei weitem nicht so groß wie ihrer und doch machten sie ihr ein derart großzügiges Geschenk. So erinnerte sich Tralutar urplötzlich ihres wahren Namens und ließ sich fortan wieder Nemusar nennen. Und das klang doch bei weitem nicht so hart, fand ein jeder, der sie kannte.


Die ungleichen Schwestern

Es waren einmal zwei sehr ungleiche Schwestern. Beide nicht mehr ganz jung an Jahren, doch noch immer die eine schön und die andere apart. Es begab sich aber zu der Zeit, dass die schöne Schwester heiraten wollte und dies allen kundtat. Die aparte Schester vernahm die Kunde und grämte sich sehr. Wie konnte es sein, dass alles im Leben ihrer schönen Schwester zu gelingen schien und in ihrem eigenen Leben nicht. Wie konnte es sein, dass ihre schöne Schwester in einem großen Haus wohnen durfte, einen sie liebenden Ehemann an ihrer Seite wähnte, weite Reisen, die sie über die ganze Erde führte, unternahm, einen wunderbaren Garten ihr eigen nennen konnte und durch Arbeit ein sicheres Leben verbringen durfte. Auch Kinder hatte sie geboren und die Künste waren ihr nicht fremd. Alles in allem ein so schönes Leben, um das die aparte Schwester sie beneidete.
Lass dir gesagt sein, du apartes Wesen, es ist nicht alles Gold, was glänzt. Diese Weisheit ist dir wohlbekannt und du hast sie anscheinend noch immer nicht richtig verstanden.
Ist es das Goldene, das wichtig ist im Leben? Das Glänzende, das dir lebenslanges Glück beschert? Das Prächtige, das dich versöhnt? Das Schillernde, das dir Frieden gibt? Das perfekt Schöne, das dich INNERLICH satt macht? Denke nach, du apartes Wesen! Du, die innere Schönheit und Weisheit erlangt und eine große Beziehung zu den heiligen Mächten? Sag mir, was sind die wahren Schätze, die der Mensch auf Erden in seinem kurzen Leben erlangen kann? Du weißt die Antwort selbst und so begehre nicht das Gold deiner schönen Schwester. Bleibe bei DEINEN Schätzen und ehre sie.




Das Nichts

Da war das große NICHTS, das Inny seit einiger Zeit in sich spürte. Und sie wusste nicht einmal, wozu das gut war und nahm es aber mal einfach hin. Dass es da war. Dieses langweilige NICHTS. Es hatte nicht einmal ein Muster und auch keine intensive Farbe. Es war nicht aufdringlich, sondern hintergründig und schützte sich selbst durch Dezentheit und sein leises Auftreten. Es gab nicht an und provozierte auch nicht, wurde nicht laut und flüchtete, ehe es mit in die zu laute Chose hineingezogen wurde. Eigentlich wunderte Inny sich, dass sie dieses NICHTS so einfach hinnehmen konnte. Das NichtNICHTS war doch an sich viel anziehender. Es schillerte bunt und war viel in der Welt herumgekommen. Konnte unzählige Geschichten über die Welt erzählen. Inny bekam regelmäßig Kopfschmerzen von so viel Welt. Das NichtNICHTS wusste so viel. Es war ja so belesen und konnte zu allem, was gesagt wurde, einen überaus klugen Kommentar abgeben. Es war umwerfend komisch dazu. Und das NichtNICHTS hatte soviel. Inny hörte sich stundenlang diese Geschichten an, über das, was es alles hatte. Das war teuer gewesen! Oh weh! Dafür musste man viel arbeiten. Oh weh! Das war anstrengend gewesen. Oh weh!
Und sie selbst? Sie hatte nur dieses NICHTS in sich. Von dem sowieso keiner was wissen wollte. Das taugte für nicht viel. Sie bekam höchstens einen ruhigen Atem davon. Die Kopfschmerzen verklangen, die Schultern sanken und der Nacken entspannte sich.
Und was dann? Na dann hörte sie zu zuallererst die Vögel mit ihren Liedern. Und sie spürte den Wind in den Haaren. Und wie das Wasser sich kräuselte und die Wolken am Himmel Geschichten erzählten. Aber das war natürlich wenig und aber mit diesem wenigen war sie durchaus zufrieden.


Der Inder lehrt mich die wahren Werte

Pech für Sie, hier gibt es nur Notdürftiges!“, sagte der junge Inder und freute sich des Lebens. Des Lebens, das er jetzt hier führte unter uns reichen Deutschen, die voll des Neides und des Hochmuts, der Gier und des Geizes. Doch er aber lachte zu seinen Worten und entblößte seine weißen Zähne. Ich war verzaubert und stellte mich zu ihm, doch er behandelte alle gleich und ich bekam keine Eintrittskarte umsonst zu seinem Herzen. Nein, erst und das nach Jahren, als ich meine eigenen Unarten abgelegt, erreichte ich ihn und das nur auf die einfache Art. Jedes kunstvolle Herumschlingern und nicht wirklich so sein wie versprochen verhinderte den Kontakt. Dass dieser Inder mich einmal so sehr angehen würde, hatte ich auch nicht gedacht, aber so war es. Und so verlangsamte ich mein Tempo und vereinfachte den Konsum. Nahm die goldenen Schätze vom Sims und machte kräftig sauber. Erst dann und das dauerte eine ganze Weile, lächelte er auch mir zu und bekam ich eine Eintrittskarte zu seinem Herzen und wunderte mich, wie ich vorher hatte so zufrieden sein können mit nichts, was von wirklicher Bedeutung.


Samstag, 16. Mai 2015



Vom Wandel im Leben


Als Kind
bunte Flecken auf Bilder gemalt
und mit den Freunden Ringelpietz im Garten getanzt.

Als junge Frau
die Grenzen des Lebens immer wieder neu ausprobiert
und die Seelenkratzer hinter’m Schildkrötenpanzer versteckt.

Um jetzt, im Alter, beschützt zu sein,
von bunten Bildern, kreisenden Tänzen,
wahren Seelenfreunden und zerkratztem Panzer.

Die Glückliche.




Donnerstag, 29. Januar 2015



Und plötzlich Lutz

Er haute sie komplett aus den Socken. Sah zwar noch immer so aus wie sie ihn auch erinnerte, doch war das Bild verschwommen gewesen und eine Berührung auf der Haut konnte man auch durch den Telefonhörer nicht wirklich fühlen. Dass ein paar Falten dazugekommen waren, nun, das fiel kaum auf. Und wie manche alternden Männer immer grau und grauer wurden innerlich, war Lutz genau dies nicht passiert.
Viola sehnte sich nach reinen, leuchtenden und sauberen Farben. Nach einer Beziehung mit Gefühl, nach Berührung und Nähe. Wie, wusste sie auch nicht, das war noch eher diffus. Nun aber war er da und plötzlich wurde das körperlich und unberechenbar männlich. Ein wenig wild. Da hieß es aufpassen und den Boden unter den Füßen nicht verlieren. Und da sie sich am sichersten fühlte, wenn sie dann HINTERHER schwärmen konnte, wie extrem wahnsinnig erotisch die Berührung hinten im Nacken gewesen war, als er mal eben kurz zart drüberstrich, war sie nun blöd dran. Denn er war ja wieder weg. Ja wirklich, elektrisch war es gewesen und eigentlich hätte sie schnurren mögen wie ne Katze, der man über's Fell streicht. Doch das verbot sie sich. Da fiel ihr wieder diese kleine Szene ein.
Stellen Sie sich einfach einen kleinen Provinz-Strand irgendwo an der Ostsee vor und wie eine Frau von einem Mann aufgefordert wird, mal eben über seine Beine auf seine Schultern zu klettern und dann irgendwann dort oben mit dem Kopf in luftiger Höhe von gefühlten vier Metern freihändig zu stehen. So geschehen und Viola staunte nicht schlecht, dass sie sich das noch traute nach so langer Zeit. Ja, damals vor dreißig Jahren, da hatten sie das auch getan. Trainiert für eine sehr besondere Theater-Aufführung. Er der Theater-Direktor und irgendwo gab es noch so ein sehr süßes Schwarz-Weiß-Foto von ihr mit Locken-Perücke, Clowns-Nase und gestreiftem Shirt. Jedenfalls stand sie nach langem Zögern dann da oben aufrecht und breitete die Arme wie Flügel aus und die umherliegenden Strandgänger schauten wohlwollend applaudierend zu. Ja … doch … war schon schön, mal wieder so etwas zu erleben. Wann erlebte Frau das schon mit Mitte Fünfzig, dass ein Mann ihr sagte: „Los, hopp, komm auf meine Schultern!“
So vieles bei ihr war noch mit kleinen Schrecken verbunden. Oh Gott, er fasst meinen Fuß. Oh Gott, er riecht an meiner Sandale. Oh Gott, er schnuppert in meinem Nacken. Oh Gott, er umarmt mich. Oh Gott, er ist so animalisch. Wusste er denn nicht, dass sie unberührt war seit langer Zeit? Sicherheitsabstand mindestens ein Meter. Ein wenig spröde die Kleine und wie das gekommen war, wusste sie auch nicht. Schlechte Erfahrungen vielleicht mit Menschen, die die Grenze nicht hatten wahren können.
Sie kennen das sicher … nach langen Entbehrungen hauen Sie schon die kleinsten Erfreulichkeiten um. Und so stellen Sie sich das bitte auch vor mit der kleinen zarten Berührung hinten bei ihr im Nacken. Ja? Können Sie das? Mehr muss manchmal gar nicht. Reicht schon, dies Kleine. Glauben Sie mir.
Alles andere, die Fahrradtour, der Besuch auf dem Hof, die Heimat und das Sein am Wasser gehörte mit zu den erfreulichen und nicht selbstverständlichen Erlebnissen. Denn das kannte sie auch anders und wie oft hätte sie am liebsten gesagt: „Halt doch einfach mal die Klappe!“
Umarme mich einmal wieder, mein Freund, es war wunderbar dort am See mit dir auf diesem Stein. Und auch, wenn ich dir vieles nicht sagte, so tat ich es doch nun.



Dienstag, 14. Oktober 2014






Alwine

Alwine war ein wenig fischig. Peinlich, aber wahr. Aus ihrem langen Mantel, den sie stets sorgsam überzog, sah man immer ihre Gräten heraushängen. Die Flossen hingen auch schlapp herunter.
Doch ansich ist das ein wenig fischige Dasein ja etwas sehr Schönes, nicht wahr? Dieses im frischen Wasser schwimmen können, sofern es denn auch frisch ist. Dieses sich wie ein Fisch fühlen … eben. So mal mit dem Strom und auch mal gegen den Strom. So dies zwischendurch mal Luft schnappen und dann wieder ab die Strömung rauf und runter.
Doch Alwine bewegte sich dann doch auch manchmal an Land. Ja, wirklich, sie konnte das. Das ist kein Märchen. Allerdings war da ihr Gang leicht unbeholfen. Doch Hauptsache, sie kam voran. Und auf Land trug sie dann eben auch immer diesen ziemlich großen Mantel, setzte sich schon auch mal ne Perücke auf und ging inkognito.
Doch in letzter Zeit war sie bis auf die Gräten abgemagert. Leider, muss man sagen. Sieht ja nicht so schön aus, wenn die Gräten einem aus dem Mantel hängen. Wieso dies passieren konnte, wollt ihr wissen? Naja, Sorgen hat ja jeder, also auch Alwine. Doch war sie vielleicht besonders anfällig für so ungünstige Schwingungsenergien im Wasser.
Jedenfalls fragte ich all meine Freunde, ob sie Alwine nicht einmal ein wenig unter ihre Fittiche nehmen könnten. Sie tat mir nämlich Leid. Wirklich, das war nicht mehr schön anzusehen. Und nun bleibt nichts anderes mehr als abzuwarten, ob die Freunde sich auch regen würden. Solange würde Alwine einfach ihren Mantel ein wenig enger schnallen!

Samstag, 20. September 2014


Goldene Hände

Illusionen zerfließen wie flüssiges Gold

Das mir durch die Hände rinnt

Und so wie es mir zerfließt

Werde ich verwandelt

Und was bleibt

Ist eine dünne goldene Schicht

Die meine Hände überzieht






Suse aus Almanien

Sie hieß Suse und kaum aus Almanien. Das war ein Land einer anderen Welt, das kaum jemand hierzulande kannte. Sie hatte einen Propeller und auch einen Sender und konnte sich sogar mit geschlossenen Augen fortbewegen. Ihre Gestalt schien etwas plump und eigentlich bestand sie fast nur aus einem Kopf mit zwei Beinen dran, dachte ich. Doch konnte sie ihre Gestalt verändern und nie wusste ich genau, wie sie nun eigentlich aussah.
Ich kannte sie schon lange, mindestens aber zehn Jahre. Manchmal besuchte sie mich und wir pflegten eine enge Freundschaft. Der Weg aus Almanien war weit, aber ihre Propeller sehr stark. Und mit dem Sender fand sie mich, egal, wo ich mich auch aufhielt. Das war sehr tröstlich für mich, denn wenn es mir schlecht ging, brauchte ich sie manchmal ganz besonders dringend. Dann simste ich sie an, egal zu welcher Tages- oder Jahreszeit. 
Was aber, liebe Freunde, verband uns beide eigentlich? Warum hatte ich eine Freundin aus Almanien, einer den meisten Menschen sehr fremden Welt? Das ist eine lange Geschichte und ich will sie euch hier erzählen:
Eines fernen Tages, ich war noch beträchtlich viel jünger und meine Haare auch noch nicht so grau, liefen mir vor Kummer dicke runde Tränen die Wangen hinunter und ich vergrub mich in meinem Kummer und steckte den Kopf in den Sand. Plötzlich, es war wie ein leises Summen in meinem Kopf, schwebte da was sehr Kleines und sehr Ungewöhnliches heran. Ich dachte:
„Jetzt pass auf, du hast schon überirdische Erscheinungen! Das geht hier nicht mit rechten Dingen zu!“
Richtig, Freunde, Suse war ein überirdisches Wesen und hatte Mitleid mit mir. Sie kam, um mir zu helfen und aus aller Tristesse, die mich umgab, wieder herauszuhelfen. Ja, wie dies? Ganz einfach, sie beamte mich da wieder aus dem Loch heraus und gab mir frische Kraft. Ich fühlte mich dann auf einmal wie neugeboren und konnte doch nicht sagen, wie dies geschah. Ganz leicht wurde mir und meine Gedanken flogen freie Bahnen und meine Seele weitere sich aus. 
Nun fragt ihr sicher, ob es so eine Suse auch für euch geben könnte und wie man sie kennen lernt. Im Katalog kann man sie jedenfalls nicht bestellen, im Supermarkt nicht kaufen und bei Ebay nicht ersteigern. Dazu braucht man den Zufall. Und wie ihr wisst, kann man den Zufall auch nicht herbeizwingen. Das klappt einfach überhaupt nicht. Wie denn? Loslassen ist das Rezept. Ein wenig Elend kann auch nicht schaden. Und sich von Gold und Geschmeide nicht verleiten lassen, auch. Man braucht eine gewisse Stille um sich herum und muss flexibel sein. Dann, vielleicht, kann es schon mal passieren, dass so eine Suse aus Almanien eure Wünsche vernimmt und sich mit Hilfe ihres Propellers und Senders auf den Weg zu euch macht. Wundert euch also nicht.





Karl, der Brecher

Er hieß Karl Kersten und war ein Brecher. So, wie es im Buche steht. Ein wenig plump von Gestalt, klein und mit wenig Haar auf dem Kopf, aber durchaus einigem Gewölk darinnen. Er war bekannt in der gesamten Gemeinde dafür, alles zu bekommen, was er wollte. Warum dies? Nun, Karl, brach durch Wände. Er nahm Anlauf und schnaubte, wie nur Stiere es tun. Um ihn herum eine Staubwolke, die seine Umgebung in Nebel hüllte. Ich hörte Kieselsteine fliegen.
„Nein, das schafft der nie! D i e Wand ist zu stark!“
Nun, ich hatte mich getäuscht. Schon flogen die ersten Fetzen, Metall berstete und ich befürchtete das Schlimmste.
„Das kann niemand unbeschadet überstehen“, dachte ich. „Und wieso überhaupt tut er dies?“
Dazu muss man wissen, dass diese Mauer keine einfache war, wie du sie findest als Kirchhofsmauer oder um deinen Hof herum. Nein, diese Mauer war die seines Kerkers und trennte ihn von der Freiheit. Karl saß ein, wie man so schön sagte und die Leute munkelten, er säße schon recht lange und das sei ein Dilemma, ein Unrecht sei ihm geschehen. Ich sah dem Treiben von weitem zu und staunte. Wie konnte so ein Kerl so eine Mauer durchbrechen? Nun, dazu muss ich eine kleine Geschichte erzählen: 
Tagein, tagaus saß Karl an seinem kleinen Fenster hinter Gittern und beobachtete die Möwen, die da segelten am Himmel und zogen ihre Bahnen hoch über ihm. Sehnte sich nach Freiheit gleich der, die dort oben w e i t über allem Elend zu Hause und frisch wie eine Prise Meeresluft war. Und weil er immer nur dieses eine Schauspiel aus der Zelle seines engen Kerkers beobachten konnte, wurde das Sehnen so groß, dass übermächtige Kräfte ihn bemannten und er starken Willens wurde, so frei wie die Möwen am Firmament zu werden. 
Ja, so war das damals mit Karl und wer ihn nicht kannte, hätte es nicht geglaubt. Aber der Wille zur Freiheit ist eben doch so groß, dass einem überirdische Kräfte wachsen können als Rüstzeug, das man braucht, um sich zu befreien. 
Ach, im Übrigen, Karl verletzte sich nicht.